Ledergerbung – Die unterschiedlichen Gerbarten einfach erklärt

Von der Tierhaut zum hochwertigen Leder

Leder ist ein vielseitiger, langlebiger und natürlicher Werkstoff. Doch Leder ist nicht gleich Leder. Seine Eigenschaften werden maßgeblich durch die Art der Gerbung bestimmt.

Bei der Gerbung wird die rohe Tierhaut durch chemische und physikalisch-chemische Prozesse dauerhaft stabilisiert. Dadurch entsteht ein widerstandsfähiges Material, das bei sachgemäßer Lagerung und Pflege nicht wie eine unbehandelte Haut verfault.

Je nach Gerbverfahren entstehen unterschiedliche Lederarten – von weichem, geschmeidigem Bekleidungsleder über robustes Möbelleder bis hin zu festem Blankleder für Gürtel, Sättel und hochwertige Lederwaren.

Neben traditionellen Verfahren gewinnen moderne, chromfreie und ressourcenschonendere Gerbtechnologien zunehmend an Bedeutung.

Wir erklären die wichtigsten Gerbarten, ihre Besonderheiten sowie ihre Vor- und Nachteile.


1. Pflanzliche Gerbung – Vegetabil gegerbtes Leder

Die pflanzliche Gerbung, auch Vegetabilgerbung genannt, gehört zu den ältesten Verfahren der Lederherstellung.

Dabei werden pflanzliche Gerbstoffe verwendet, die beispielsweise aus Baumrinden, Hölzern, Blättern oder Früchten gewonnen werden. Typische Gerbstoffquellen sind Eiche, Kastanie, Mimose und Quebracho.

Eigenschaften:

  • Je nach Herstellung fest, formstabil oder geschmeidig

  • Häufig natürliche Farbtöne von Beige bis Braun

  • Entwickelt im Gebrauch oftmals eine charakteristische Patina

  • Besonders gut zum Prägen, Punzieren und Modellieren geeignet, sofern das Leder entsprechend zugerichtet ist

  • Enthält bei rein pflanzlicher Gerbung keine Chromgerbstoffe

Typische Einsatzgebiete: Gürtel, Blankleder, Sattlerarbeiten, Taschen, Lederaccessoires, Messerscheiden und traditionelle Lederwaren.

Vorteile: Gute Formbarkeit, charakteristische natürliche Optik und vielfältige handwerkliche Bearbeitungsmöglichkeiten.

Nachteile: Je nach Zurichtung empfindlicher gegenüber Feuchtigkeit und Flecken. Die Herstellung kann zeitaufwendig sein.

Wichtig: Pflanzlich gegerbtes Leder ist nicht automatisch ökologischer oder schadstofffrei. Entscheidend sind auch Herkunft, Gerbstoffgewinnung, Wasserverbrauch, Prozessführung und Abwasserbehandlung.

2. Chromgerbung – Mineralisch gegerbtes Leder

Die Chromgerbung zählt weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Gerbverfahren. Dabei werden überwiegend Chrom(III)-Salze verwendet.

Dieses Verfahren ermöglicht die Herstellung besonders weicher, elastischer und zugleich belastbarer Leder.

Eigenschaften:

  • Sehr geschmeidig und flexibel

  • Gute Wärme- und Feuchtigkeitsbeständigkeit

  • Hohe Reißfestigkeit bei geeigneter Lederstruktur

  • Vielfältige Färbe- und Zurichtungsmöglichkeiten

  • Besonders geeignet für weiche und strapazierfähige Leder

Typische Einsatzgebiete: Möbelleder, Autoleder, Bekleidungsleder, Schuhoberleder, Taschenleder und Nappaleder.

Vorteile: Effizientes Gerbverfahren mit großer Produktvielfalt und hervorragenden Möglichkeiten zur Herstellung weicher Leder.

Nachteile: Erfordert einen sorgfältigen Umgang mit chromhaltigen Prozesschemikalien und Abwässern.

Wichtig: Das bei der Gerbung verwendete Chrom(III) ist nicht mit dem gesundheitlich problematischen Chrom(VI) gleichzusetzen. Unter ungünstigen Bedingungen kann sich jedoch Chrom(VI) bilden. Deshalb sind kontrollierte Herstellungsprozesse und entsprechende Prüfungen wichtig.

3. Chromfreie Gerbung – Chrome-Free Leather

Chromfrei gegerbtes Leder gewinnt insbesondere bei Herstellern von Automobilleder, Möbelleder, Schuhen und hochwertigen Lederwaren an Bedeutung.

Die Bezeichnung chromfrei beschreibt zunächst lediglich, dass keine Chromgerbstoffe eingesetzt werden. Sie bezeichnet kein einzelnes Gerbverfahren.

Zum Einsatz kommen beispielsweise synthetische, pflanzliche oder alternative mineralische Gerbsysteme.

Eigenschaften:

  • Ohne Chromgerbstoffe hergestellt

  • Je nach Verfahren weich, elastisch oder formstabil

  • Vielfältige Farben und Oberflächen möglich

  • Für unterschiedliche industrielle und handwerkliche Anwendungen geeignet

Typische Einsatzgebiete: Automobilleder, Möbelleder, Taschen, Schuhe und Bekleidungsleder.

Vorteile: Verzicht auf Chromgerbstoffe und vielfältige Möglichkeiten zur Anpassung an bestimmte Produktanforderungen.

Nachteile: Nicht jedes chromfreie Gerbverfahren besitzt automatisch eine bessere Umweltbilanz.

Wichtig: Chromfrei bedeutet nicht zwangsläufig pflanzlich gegerbt, metallfrei, biologisch abbaubar oder vollständig frei von synthetischen Chemikalien.

4. Wet-White-Gerbung – Moderne chromfreie Gerbtechnologie

Wet White bezeichnet einen hellen, feuchten, chromfrei vorgegerbten Lederzwischenzustand. Der Name leitet sich von der meist weißlichen bis cremefarbenen Erscheinung des Materials ab.

Zum Einsatz kommen unterschiedliche chromfreie Gerbsysteme, beispielsweise auf Basis synthetischer organischer Gerbstoffe oder alternativer mineralischer Verbindungen.

Wet White ist damit kein einheitliches Gerbverfahren, sondern eine Bezeichnung für einen bestimmten Zwischenzustand der Lederherstellung.

Eigenschaften:

  • Helle Ausgangsfarbe

  • Gute Voraussetzungen für helle und brillante Farbtöne

  • Je nach Gerbsystem gute Weichheit und Formstabilität

  • Vielseitige Weiterverarbeitung durch Nachgerbung und Zurichtung

Typische Einsatzgebiete: Autoleder, Möbelleder, Schuhoberleder, Taschen und hochwertige Lederwaren.

Vorteile: Chromfreie Verarbeitung und große Flexibilität bei der späteren Farb- und Oberflächengestaltung.

Nachteile: Die technischen Eigenschaften hängen stark vom verwendeten Gerbsystem ab.

5. Aldehydgerbung – Weich und vielseitig

Bei der Aldehydgerbung werden spezielle organische Verbindungen zur Stabilisierung der Hautfasern eingesetzt.

Bekannt sind unter anderem Gerbsysteme auf Basis von Glutaraldehyd oder modifizierten Aldehydverbindungen.

Eigenschaften:

  • Häufig helle Grundfarbe

  • Kann sehr weiche und geschmeidige Leder ermöglichen

  • Für bestimmte chromfreie Gerbsysteme geeignet

  • Gute Weiterverarbeitbarkeit bei entsprechender Rezeptur

Typische Einsatzgebiete: Bekleidungsleder, Handschuhleder, Polsterleder und spezielle technische Leder.

Vorteile: Ermöglicht bestimmte weiche Lederqualitäten ohne Chromgerbstoffe.

Nachteile: Auch aldehydbasierte Gerbchemikalien müssen hinsichtlich Arbeitsschutz, Emissionen und möglicher Rückstände sorgfältig kontrolliert werden.

6. Synthetische Gerbung – Gerbung mit Syntanen

Bei der synthetischen Gerbung kommen industriell hergestellte organische Gerbstoffe zum Einsatz, die häufig als Syntane bezeichnet werden.

Diese können sowohl für die Hauptgerbung als auch für die Nachgerbung eingesetzt werden.

Eigenschaften:

  • Gezielte Einstellung von Weichheit und Festigkeit

  • Gute Möglichkeiten zur Beeinflussung von Farbe und Faserstruktur

  • Je nach Verfahren helle Lederfarben möglich

  • Vielseitig mit anderen Gerbarten kombinierbar

Typische Einsatzgebiete: Möbel-, Automobil-, Schuh- und Lederwarenleder.

Vorteile: Gute technische Steuerbarkeit und vielfältige Kombinationsmöglichkeiten.

Nachteile: Die Umweltverträglichkeit hängt von den eingesetzten Chemikalien und ihrer Herstellung ab.

7. Kombinationsgerbung – Das Beste aus mehreren Verfahren

Bei der Kombinationsgerbung werden verschiedene Gerbverfahren miteinander verbunden, um bestimmte Materialeigenschaften zu erzielen.

Beispielsweise können mineralische, pflanzliche und synthetische Gerbstoffe in unterschiedlichen Produktionsschritten kombiniert werden.

Eigenschaften:

  • Individuell einstellbare Weichheit

  • Gute Balance zwischen Flexibilität und Formstabilität

  • Gezielte Anpassung an den späteren Verwendungszweck

  • Vielfältige Oberflächen und Lederqualitäten

Typische Einsatzgebiete: Hochwertige Taschen, Schuhe, Gürtel, Polsterleder und technische Leder.

Vorteile: Besonders große Flexibilität bei der Entwicklung bestimmter Lederqualitäten.

Nachteile: Die genaue Zusammensetzung und die Eigenschaften sind ohne Herstellerangaben nicht immer eindeutig erkennbar.

8. Olivengerbung – Ledergerbung mit pflanzlichen Wirkstoffen

Die Olivengerbung ist eine vergleichsweise junge Entwicklung im Bereich alternativer Gerbtechnologien.

Bei entsprechenden Verfahren werden Gerbstoffe eingesetzt, die aus Bestandteilen des Olivenbaums beziehungsweise aus Nebenströmen der Olivenverarbeitung gewonnen werden.

Die genaue Zusammensetzung hängt vom jeweiligen patentierten oder herstellerspezifischen Verfahren ab.

Eigenschaften:

  • Pflanzlich basierte Gerbkomponenten

  • Je nach Verfahren weiche und geschmeidige Lederqualitäten

  • Alternative zu bestimmten konventionellen Gerbsystemen

  • Interessant für hochwertige Lederwaren und anspruchsvolle Anwendungen

Typische Einsatzgebiete: Taschen, Schuhe, Accessoires, Automobil- und Möbelleder, abhängig vom jeweiligen Herstellungsverfahren.

Vorteile: Nutzung alternativer pflanzlicher Rohstoffquellen und teilweise von Nebenprodukten der Landwirtschaft.

Nachteile: Nicht jedes als olivengegerbt vermarktete Leder ist ausschließlich mit Olivenwirkstoffen gegerbt. Die tatsächliche Umweltbilanz muss anhand des gesamten Herstellungsprozesses bewertet werden.

9. Zeolith- und alternative mineralische Gerbung

Neben der klassischen Chromgerbung existieren Gerbtechnologien, die alternative mineralische Stoffe verwenden.

Dazu zählen beispielsweise Verfahren mit zeolithbasierten Komponenten oder anderen chromfreien mineralischen Gerbsystemen.

Zeolithe sind mineralische Alumosilikate mit einer besonderen porösen Struktur.

Eigenschaften:

  • Chromfreie Gerbung bei entsprechend ausgelegten Verfahren

  • Gute Möglichkeiten zur Herstellung heller Leder

  • Technische Eigenschaften abhängig vom eingesetzten System

  • Teilweise für industrielle Lederproduktion entwickelt

Typische Einsatzgebiete: Schuhoberleder, Automobilleder, Möbelleder und Lederwaren, sofern das jeweilige Verfahren dafür ausgelegt ist.

Vorteile: Alternative zur klassischen Chromgerbung und zusätzliche Möglichkeiten der Prozessgestaltung.

Nachteile: Technologie und Umweltvorteile sind verfahrensabhängig. Nicht jedes mineralische Alternativverfahren ist gleichermaßen verbreitet oder für sämtliche Lederarten geeignet.

10. Trangerbung und Fettgerbung – Traditionelle Spezialverfahren

Bei traditionellen Fettgerbverfahren werden geeignete Fette und Öle eingesetzt, um bestimmte Lederstrukturen und Eigenschaften zu erzeugen.

Eine bekannte Form ist die Sämischgerbung, bei der oxidierbare Öle, traditionell beispielsweise Fischöle, verwendet werden.

Eigenschaften:

  • Sehr weiche und geschmeidige Leder möglich

  • Gute Saugfähigkeit bei typischem Sämischleder

  • Besondere Haptik

  • Teilweise gut waschbar bei geeigneter Herstellung

Typische Einsatzgebiete: Fensterleder, Reinigungstücher, Spezialleder und traditionelle handwerkliche Anwendungen.

Vorteile: Charakteristische Weichheit und besondere Gebrauchseigenschaften.

Nachteile: Spezialisierte Herstellung und nicht für jeden Verwendungszweck geeignet.

Wichtig: Die reine Fettung eines bereits gegerbten Leders ist nicht mit einer eigenständigen Fett- oder Sämischgerbung gleichzusetzen.


Welche Gerbart eignet sich für welchen Zweck?

VerwendungszweckHäufig geeignete Gerbarten
Gürtel und BlanklederPflanzliche Gerbung, Kombinationsgerbung
Taschen und LederwarenPflanzlich, chromgegerbt, chromfrei, kombiniert
MöbelpolsterChromgerbung, chromfreie Gerbung
AutositzeChromgerbung, Wet-White-basierte Systeme, weitere chromfreie Verfahren
BekleidungChromgerbung, Aldehyd- und andere chromfreie Verfahren
SchuheChromgerbung, pflanzliche Gerbung, Kombinationsgerbung, chromfreie Systeme
Punzieren und PrägenBesonders geeignetes pflanzlich gegerbtes Leder
Reinigung und Spezialanwendungen    Sämischgerbung

Die Gerbart allein entscheidet nicht über die Eignung. Auch Tierart, Hautpartie, Lederstärke, Fettung, Nachgerbung und Oberflächenzurichtung spielen eine wesentliche Rolle.

Ist chromfreies oder pflanzlich gegerbtes Leder nachhaltiger?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten.

Die Umweltverträglichkeit eines Leders hängt von vielen Faktoren ab:

  • Herkunft und Rückverfolgbarkeit der Rohhäute

  • Wasser- und Energieverbrauch

  • Art und Menge der eingesetzten Gerbstoffe

  • Abwasseraufbereitung und Chemikalienmanagement

  • Haltbarkeit und Nutzungsdauer des fertigen Leders

  • Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards

Ein hochwertiges, langlebiges Leder aus einer gut kontrollierten Gerberei kann über seine gesamte Nutzungsdauer eine günstige Umweltbilanz besitzen – unabhängig davon, ob es pflanzlich, chromgegerbt oder chromfrei hergestellt wurde.

Begriffe wie natürlich, ökologisch, nachhaltig oder umweltfreundlich sollten deshalb immer durch nachvollziehbare Informationen oder geeignete Nachweise gestützt werden.

Fazit – Die richtige Gerbung für das richtige Leder

Jede Gerbart hat ihre eigenen Stärken und Besonderheiten.

Während pflanzlich gegerbtes Leder besonders für traditionelle Lederarbeiten, Gürtel und Punzierarbeiten geschätzt wird, bieten chromgegerbte Leder häufig die gewünschte Weichheit und Elastizität für Bekleidung, Möbel und Automobile.

Moderne chromfreie Verfahren, Wet-White-Systeme sowie alternative pflanzliche und mineralische Gerbtechnologien erweitern die Möglichkeiten der Lederherstellung.

Entscheidend ist nicht allein die Gerbart, sondern das Zusammenspiel aus Gerbung, Lederqualität, Verarbeitung und vorgesehenem Einsatzgebiet.

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